Fertia aus Heidelberg: Digitaler Helfer in schweren Stunden

Fertia aus Heidelberg: Digitaler Helfer in schweren Stunden


Monatelanges Warten auf Arzttermine und große Unsicherheit: Wer in der Region schwanger werden möchte und dazu fragen hat, stößt im Gesundheitssystem oft an Grenzen. Ein Heidelberger Expertenteam will das ändern. Die beim Spaziergang in Handschuhsheim geborene Idee ist heute die digitale Plattform Fertia. Sie verbindet Videosprechstunden, Labortests für zu Hause und mentale Hilfe, um Frauen von der Zyklusphase bis zur Menopause unkompliziert zu begleiten.

Gibt es bessere Momente, um eine innovative Idee rund um die Themen Kinderwunsch und Schwangerschaft zu entwickeln, als bei einem Spaziergang mit dem Kinderwagen? Es klingt kitschig, bei Ruben Kuon und Anna-Lena Hudalla war es aber genauso. „Ich war gerade in Elternzeit, als wir in Handschuhsheim auf dem Feld unterwegs waren, als wir über das Thema gesprochen und gemerkt haben, dass wir sehr ähnliche Ideen haben“, sagt Kuon, der sich 2023 in Elternzeit befand. Und Hudalla ergänzt: „Wir wussten um die Probleme, die Frauen hierzulande bei den Themen haben. Deshalb haben wir Fertia gegründet.“

Unterhält man sich nämlich mit Betroffenen über Kinderwunsch oder hormonelle Schwierigkeiten, werden einem schnell zwei Begriffe begegnen: Warten und Unsicherheit. Monate warten auf einen Termin, kurze und überfüllte Sprechstunden, in denen man oft mehr Fragen als Antworten mitnimmt. Die psychische Belastung ist gewaltig. Das System wirkt überdimensioniert, träge und nicht ausreichend auf die spezifischen Bedürfnisse der Patientinnen abgestimmt. „Fertia will genau an der Schnittstelle zwischen medizinischer Notwendigkeit und persönlicher Belastung ansetzen“, sagt Hudalla. „Dafür haben wir ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaft, Medizin, Psychologie und Technologie zusammengestellt.“

Fertia stellt nicht nur ein digitales Produkt dar, sondern ist das Resultat der jahrzehntelangen Berufserfahrung und der persönlichen Motivation des Gründerteams. Im Mittelpunkt: Dr. med. Ruben Kuon, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität Heidelberg, mit Spezialisierungen in Reproduktionsmedizin und gynäkologischer Endokrinologie. Der 41-Jährige ist seit mehr als zehn Jahren an der Heidelberger Universitätsklinik und kümmert sich dort um Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dabei nahm er immer wieder die Grenzen des Systems wahr.

„Es wurde uns vor Augen geführt, wie wenig effizient die Abläufe häufig sind. Wie wenig Zeit tatsächlich für das einzelne Paar bleibt, das sich gerade in einer der sensibelsten Lebensphasen befindet. Es ist nicht ungewöhnlich, auf einen Beratungstermin sechs bis neun Monate warten zu müssen – während gleichzeitig betont wird, dass Zeit beim Kinderwunsch eine entscheidende Rolle spielt. „Das passt nicht zusammen“, bringt Kuon seine Motivation auf den Punkt.

Dr. Kilian Vomstein (40), Frauenarzt und Reproduktionsmediziner, ist an seiner Seite – ein langjähriger Studien- und WG-Freund aus Heidelberger Zeiten, der heute an der Universität Kopenhagen arbeitet. „Kilian bringt die skandinavische Perspektive ein – ein Land, in dem das Gesundheitssystem schon viel weiter digitalisiert ist als in Deutschland“, sagt Kuon. Fertia wird unmittelbar auf der Grundlage dieser internationalen Erfahrung weiterentwickelt.

Anna-Lena Hudalla, 41 Jahre alt, die ursprünglich aus den Bereichen BWL und Marketing kommt, trägt die Verantwortung für die wirtschaftlichen und strukturellen Aspekte des Unternehmens. Nachdem sie in Hamburg, London, San Francisco und den USA Station gemacht hatte und dort selbst die Herausforderungen als berufstätige Mutter erlebte, gründete sie ein Netzwerk für Eltern in Heidelberg.

Zudem im Team ist Lisa Göpfert (43), die als Hebamme, Psychologin, systemische Therapeutin und Sexualtherapeutin arbeitet. Sie bringt sowohl psychologisches Wissen als auch praktische Erfahrung aus der Geburtshilfe und ihrer eigenen Praxis in Heidelberg mit ein. Ihr Augenmerk liegt auf der psychischen Gesundheit von Frauen in jeder Lebensphase.

„Fertia ist weit mehr als nur eine App“, heben alle Teammitglieder im Gespräch hervor. Es handelt sich um eine Gesundheitsplattform, die Frauen vom Beginn des Zyklus bis zur Menopause unterstützt. Der Mensch steht im Mittelpunkt – aus medizinischer, psychologischer und alltagsrelevanter Perspektive.

Das Ziel: Die Abläufe in Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, Hormongesundheit, Schwangerschaft und psychischer Belastung effizienter, verständlicher und vor allem zugänglicher gestalten. Hudalla erklärt: „Unser Ziel ist es, Patientinnen zu ermächtigen, ihre Gesundheit besser zu verstehen, informierte Entscheidungen zu treffen und selbstständig aktiv zu werden – mit der Unterstützung eines Expertenteams, das schnell, unkompliziert und digital erreichbar ist.“

Egal, ob die Nutzerin einen unerfüllten Kinderwunsch hat, Zyklusstörungen aufweist, schwanger ist oder sich in der Menopause befindet: Sie lädt die kostenlose App herunter, gibt die für sie relevanten Themen ein und erhält zunächst gut verständliche und fundierte Informationen. „Am Anfang stehen Wissensvermittlung und die Stärkung von Kompetenzen“, sagt Göpfert und ergänzt: „Uns ist aufgefallen, dass vielen Frauen grundlegendes Wissen fehlt – da es im Alltag oft untergeht oder medizinisch zu kompliziert ausgedrückt wird.“

Im folgenden Schritt kann die Anwenderin aktiv werden: Anamnese und Befunde werden in einer digitalen, ärztlich begleiteten Sprechstunde per Video-Anruf in der App besprochen. Medizinische Dokumente, Laborbefunde und der persönliche Behandlungsverlauf können dafür hochgeladen werden. Die Ärzte haben dann eine Zugang zu einem speziell entwickelten Dashboard, das die wichtigsten Patientendaten strukturiert darstellt und die Vorbereitung von Gesprächen erleichtert.

Das Besondere an Fertia: Nach der Online-Sprechstunde bekommt die Patientin binnen weniger Minuten einen klar verständlichen Arztbrief – in fachlicher wie auch in laiengerechter Sprache –, der zudem an die betreuende Gynäkologin weitergeleitet werden kann. „Das spart Zeit und Nerven und sorgt für mehr Transparenz“, so Kuon.

Ein weiteres Novum stellt die dezentrale Diagnostik dar: Die Nutzerin hat die Möglichkeit, sich ein Blutabnahmeset nach Hause zu bestellen, eigenständig Blut abzunehmen und es ins Labor zu schicken. Die Resultate werden wiederum direkt in die App eingepflegt. „Insbesondere bei der Analyse der Hormone ist das eine enorme Verbesserung. Kuon erklärt: „Die Resultate sind medizinisch ebenso valide wie in der Klinik, da wir mit zertifizierten Partnerlaboren zusammenarbeiten.“

Für die Nutzerin bedeutet dies: mehr Selbstbestimmung, reduzierte Wartezeit und geringerer Aufwand. Das Herzstück der Plattform bildet der speziell entwickelte Fertia AI-Guide – ein KI-unterstützter Chatbot, dessen Training auf Inhalten aus Leitlinien, wissenschaftlichen Publikationen, Kursen und den Erfahrungen des Teams basiert. „Wir wünschten uns keinen Halbwahrheiten oder Antworten aus der Fantasie, sondern einen kompetenten Ansprechpartner mit medizinischem und psychologischem Fachwissen, auf den wir jederzeit zugreifen konnten“, sagt Hudalla.

Der AI-Guide bietet Antworten auf Fragen zu einer Vielzahl von Themen, darunter Zyklus, Hormone, Kinderwunsch und Schwangerschaft sowie alltägliche Anliegen wie Ernährung oder Zweifel. Die Nutzung ist leicht zugänglich: Viele Frauen haben mehr als 30, einige sogar 70 oder mehr Fragen und Antworten im Chat, oft über einen Zeitraum von mehr als 15 Minuten. „Es ist daran zu erkennen, wie sehr der Bedarf besteht, sich auszutauschen und Unsicherheiten abzubauen, ohne dass gleich ein Arzttermin erforderlich ist“, sagte Hudalla.

Die Erfahrungen verdeutlichen: Der AI-Guide fungiert als echter Gesprächspartner – vor allem in sensiblen Situationen wie nach einer Fehlgeburt oder bei unerfülltem Kinderwunsch. „Insbesondere abends, wenn die Gedanken kreisen und man sich einsam fühlt, ist es wichtig, jemanden zur Verfügung zu haben – selbst wenn es ‚nur‘ ein digitaler Buddy ist“, sagt Hudalla.

Psychische Gesundheit ist ein wesentlicher Aspekt von Fertia, das keine Unterscheidung zwischen medizinischer und psychologischer Versorgung vornimmt. Vielmehr: Für das Team sind körperliche und mentale Gesundheit eng miteinander verknüpft. Neben psychologischen Kursen und Online-Inhalten bietet Lisa Göpfert auch persönliche Sprechstunden an. „Zahlreiche Frauen verwenden zunächst die digitalen Angebote. In speziellen Situationen, wie nach einer Fehlgeburt oder bei intensiver Belastung, spielt jedoch auch die persönliche Beratung eine bedeutende Rolle. Es ist unser Ziel, die Hürden so gering wie möglich zu halten“, sagt sie.

Die Plattform soll in Zukunft noch maßgeschneiderter werden: Der AI-Guide soll auf Wunsch Podcasts oder Zusammenfassungen anfertigen, gezielte Atemübungen oder Resilienztrainings empfehlen – alles abgestimmt auf die aktuelle Situation der Nutzerin.

Fertia zeichnet sich durch ihre Interkonnektivität aus: Die Nutzerin kann die App flexibel an ihre Lebensphase anpassen – sei es bei Zyklusstörungen, Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Menopause. „Eine Vielzahl an Schwierigkeiten ist miteinander verknüpft. Zyklusstörungen können dazu führen, dass man öfter Schwierigkeiten mit dem Kinderwunsch hat und ein erhöhtes Risiko für weitere Komplikationen besteht. „Wir unterstützen die Frauen in allen Phasen, bieten medizinische und psychologische Hilfe – und das alles über eine App“, hebt Kuon hervor.

Die Themen der Nutzer sind sehr unterschiedlich: Während Tests und Marketingkampagnen derzeit besonders viele Anfragen zu Kinderwunsch und Schwangerschaft hervorrufen, erweitert sich das Angebot kontinuierlich – zum Beispiel in Richtung PCOS, Endometriose und Menopause.

Fertia hat eine eindeutige Zielsetzung: Die Basisfunktionen, einschließlich des AI-Guides, sollen dauerhaft kostenlos bleiben, um soziale Ungleichheiten nicht zu verstärken. Das Angebot wird finanziert durch kostenpflichtige Zusatzleistungen wie ärztliche Sprechstunden oder Diagnostik-Kits sowie durch strategische Partnerschaften. Kooperationen mit Firmen aus dem Gesundheits- und Handelssektor, wie zum Beispiel DM helfen bei der Umsetzung.

Fertia soll perspektivisch auch international expandieren. „Wir beobachten Interesse aus den USA und weiteren Ländern. Die Probleme sind überall ähnlich – aber unser Ansatz, der medizinische und psychologische Betreuung digital und ganzheitlich verbindet, ist einzigartig“, so Kuon.

Heidelberg Kompakt

Einbrecher gönnt sich Bier auf Terrasse
Am Dienstagnachmittag hat die Polizei in Schlierbach einen 22-jährigen Mann festgenommen. Der mutmaßliche Dieb ging seinen Beutezug offenbar etwas zu gemütlich an. Gegen 17:40 Uhr verschaffte sich der Mann Zutritt zum Garten eines Wohnhauses. Auf der Terrasse entwendete er zunächst ein Fernglas. Anschließend gönnte er sich eine kleine Auszeit und öffnete sich erst einmal ein Bier. Die Rechnung hatte er jedoch ohne den Hund des Hauses gemacht. Der Vierbeiner schlug lautstark Alarm, woraufhin eine Anwohnerin den Mann am Gartentor entdeckte – neben einem fremden Fahrrad. Als sie ihn ansprach, flüchtete der 22-Jährige in einen Nachbargarten. Die alarmierte Polizei musste nicht lange suchen: Die Beamten fanden den Mann kauernd in einem Gebüsch und nahmen ihn fest. Im besonders beschleunigten Strafverfahren wurde er bereits am Mittwochnachmittag zu einer Geldstrafe von 1.100 Euro verurteilt.

Gedenken am Boxberg: Abschied von misshandeltem Kater
Der schreckliche Fall des mutmaßlich zu Tode gequälten, vier Monate alten Katers hat in Heidelberg Fassungslosigkeit ausgelöst. Nun setzen die Bürger ein Zeichen: Heute findet am Fundort des Tieres eine öffentliche Gedenkfeier statt. Eine Anwohnerin hat die Initiative ergriffen und ruft über die sozialen Netzwerke zum gemeinsamen Trauern auf. Die Versammlung beginnt um 13 Uhr im Boxbergring (in Höhe der Hausnummer 10). Eingeladen sind alle, die ein deutliches Signal gegen Tierquälerei setzen und Abschied nehmen möchten. Wer dem kleinen Kater die letzte Ehre erweisen will, wird gebeten, Grablichter, Blumen, Bilder oder etwas Katzenfutter mitzubringen. Währenddessen laufen die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu den genauen Hintergründen des Vorfalls.

Chaos auf der A5 bei Heidelberg
Ein Auffahrunfall hat am Donnerstnachmittag auf der A5 bei Heidelberg zu einem Großeinsatz der Rettungskräfte und massivem Verkehrschaos geführt. Ein 62-jähriger Autofahrer übersah offenbar ein Stauende und krachte mit voller Wucht in das Heck eines vorausfahrenden Wagens. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Mann in seinem Fahrzeug eingeklemmt. Einsatzkräfte der Feuerwehr mussten den Schwerverletzten befreien, bevor er mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen werden konnte. Die drei Insassen des gerammten Autos – der 36-jährige Fahrer sowie zwei Mitfahrerinnen im Alter von 30 und 48 Jahren – erlitten leichte Verletzungen. Die Polizei schätzt den entstandenen Sachschaden auf rund 40.000 Euro. Der Unfall wirbelte den Berufsverkehr in der Region komplett durcheinander: In beide Fahrtrichtungen bildeten sich kilometerlange Staus.

Was am Wochenende los ist!
– Das Heidelberger Weindorf bietet noch bis bis zum Sonntag die ideale Gelegenheit, um kulinarischen Vorzüge Heidelbergs und vor allem gute Tropfen zu probieren. Von heute bis zum Abschlusstag haben die Stände immer von 11 bis 21 Uhr geöffnet.
– Die Französische Woche bietet noch bis Sonntag Veranstaltungen auf den Gebieten Kultur, Geschichte, Gesellschaft und Politik, der Sprache und Kulinarik an zahlreichen Heidelberger Spielorten.
Ein echtes Highlight für alle Fans anspruchsvoller elektronischer Musik steht am morgigen Freitag, 16. Oktober 2026
– Im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals lädt das Londoner Label Hyperdub am Freitag im Karlstorbahnhof zu einer exklusiven Club Night ein. Mit aya, Ikonika & Kode9 stehen drei absolute Sound-Pioniere der britischen Underground-Szene gemeinsam auf der Bühne. Los gehte es um 20 Uhr. erhältlich. Tickets gibt es für 33 Euro an der Abendkasse.
– Beim HEERLIJK Oktoberfest am Samstag von 16 bis 22 Uhr sorgt die Ingrid Schwarz Band für authentische Wasen-Stimmung. Neben bayerischen Schmankerln und kühlem Bier erwartet die Besucher zünftige Live-Musik. Der Eintritt liegt bei 22 Euro.
– Am Samstag lädt die halle02 unter dem Motto „Volle Kanne Malle“ ab 20 Uhr zu einer langen Partynacht voller Ballermann-Hits und Inselfeeling ein. Tickets gibt es ab 27 Euro an der Abendkasse.
– Beim herbstlichen Flohmarkt laden am Sonntag von 12 bis 15 Uhr bis zu 30 Stände zum Stöbern ein. Bei gutem Wetter wird im Emil-Maier-Park gefeilscht, bei Regen zieht das Event ins Café Leitstelle um. Für das leibliche Wohl stehen ein Foodtruck sowie vegane Waffeln und Kaffeespezialitäten bereit. Der Eintritt ist frei.