Ex-Landtagsvizepräsident Born spricht über seine Hakenkreuz-Affäre

Ex-Landtagsvizepräsident Born spricht über seine Hakenkreuz-Affäre

Zehn Jahre saß Daniel Born im baden-württembergischen Landtag, vier davon als stellvertretender Präsident. Als er vergangenes Jahr bei einer Abstimmung hinter den Namen eines AfD-Abgeordneten ein Hakenkreuz kritzelte und er das kurz darauf zugab, war seine politische Karriere beendet. Seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Aus als Politiker hat der 50-Jährige heute im Karlstorbahnhof. Dort im TiK wird um 20 Uhr „Die Vermessung der Demokratie – Ein Wilhelm-Leuschner-Portrait“ aufgeführt (es gibt noch Karten). Im Anschluss nimmt Born an einer Podiumsdiskussion zur aktuellen politischen Situation in Deutschland teil. Im Gespräch mit der „Lokalen Stimme Heidelberg“ hat sich Born vorab zu seinem Aus als Politiker geäußert und beschrieben, wie es zu der Hakenkreuz-Affäre kommen konnte.

Daniel Born rührt nachdenklich in seinem Espresso. Die kleine Tasse steht vor ihm auf dem Tisch, der Löffel klirrt leise am Porzellanrand. Es ist eine beiläufige Geste, doch sie passt zu diesem Gespräch: Born wirkt gesammelt und ruhig in seinen Antworten. Und doch ist ihm anzumerken, wie nah ihm das Ende seiner politischen Laufbahn noch geht.

Zehn Jahre war der SPD-Politiker Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Schwetzingen. Vier Jahre lang gehörte er als stellvertretender Präsident zum Präsidium des baden-württembergischen Landtags. Dann kam jener Moment im vergangenen Jahr: Bei einer geheimen Abstimmung kritzelte Born hinter den Namen eines AfD-Abgeordneten ein Hakenkreuz. Er bekannte sich am folgenden Tag öffentlich dazu, trat vom Amt des Landtagsvizepräsidenten zurück und verließ später die SPD-Fraktion. Seine politische Karriere war beendet.

„Persönlich werde ich mir diesen Fehler nie verzeihen“, sagt Born. Es ist ein Satz, den er nicht dramatisierend vorträgt. Gerade das macht ihn schwer.

Dabei war der Einsatz gegen Rechtsextremismus, für Vielfalt und Demokratie über Jahrzehnte sein politischer Antrieb. Aufgewachsen ist Born in Oberhausen-Rheinhausen, seine Familie lebt dort bis heute. „Oberhausen-Rheinhausen ist mein Heimatort“, sagt er. Die Lage am Rhein, der Zusammenhalt, die Erinnerung an eine gute Kindheit – all das verbindet er mit dem Ort. Schwetzingen dagegen sei die Stadt, in der er aufgeblüht sei.

In der achten Klasse wechselte Born an die Carl-Theodor-Schule. Dass er eines Tages als Abgeordneter für Schwetzingen in Stuttgart sitzen würde, habe er sich damals nicht vorstellen können. Sein Interesse an Politik aber sei schon früh geweckt worden – in den 90er Jahren, einer Zeit, die er als „Baseballschläger-Jahre“ beschreibt.

Rechtsradikalismus sei damals für viele junge Menschen ein bedrückend präsentes Thema gewesen. „Für uns als Schülerinnen und Schüler war klar: Wir stehen auf, wir organisieren Demonstrationen, wir lassen nicht zu, dass Rechtsextreme Vielfalt und Weltoffenheit kaputtmachen“, sagt Born. Dieser Impuls sei zu einem Lebensthema geworden.

Heute engagiert sich der 50-Jährige ehrenamtlich als Landessprecher des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Der Verein will historische Erinnerung mit Verantwortung für die Gegenwart verbinden – durch Bildungsarbeit, Veranstaltungen und lokale Initiativen. „Wir müssen wissen, was Faschismus anrichtet: wie er Menschen tötet und Demokratie zerstört“, sagt Born. Demokratie müsse nicht nur verteidigt werden. „Sie muss zeigen, dass sie Zukunft gewinnen kann.“

Für ihn ist das auch persönlich. Born erzählt offen davon, was es bedeutete, in den frühen 90er Jahren als schwuler Jugendlicher zu merken, dass er auf Männer steht. Der Paragraf 175 war gerade erst abgeschafft worden, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare schien weit entfernt. Öffentlich sei schwules Leben damals oft vor allem im Zusammenhang mit der Aids-Pandemie verhandelt worden.

„Ich habe aber auch erlebt, was Solidarität bewirken kann“, sagt Born. Die Community habe sich Rechte erkämpft – durch Sichtbarkeit, Zusammenhalt und demokratische Mehrheiten. Ein besonderer Moment sei für ihn die Landtagssitzung gewesen, in der Baden-Württemberg zum Freiheitsraum für LGBTQ-Menschen erklärt wurde. Born leitete die Sitzung als stellvertretender Landtagspräsident. Der Antrag, ursprünglich von der SPD eingebracht, fand Zustimmung aus allen Fraktionen.

„Da habe ich daran gedacht, welche Ängste ich mit 15 hatte“, sagt er und fügt an: „Und nun habe sich ein ganzes Landesparlament dazu bekannt, dass queere Menschen frei und sicher leben sollen.“ Umso schmerzhafter ist für Born der Blick auf den Moment, der seine Zeit im Parlament überschattet. Er sei mit Ehrgeiz in die Politik gegangen, erzählt er, und habe sich selbst eine feste Regel gesetzt: „Mach niemals etwas, mit dem du nicht umgehen könntest, wenn es morgen in der Zeitung steht.“ Daran habe er sich gehalten – „bis zu diesem einen Moment, in dem ich out of order war“.

Born erklärt den Hintergrund, ohne die Verantwortung von sich zu weisen. Er habe in der parlamentarischen Arbeit zunehmend erlebt, wie die AfD normalisiert werde, obwohl viele ihrer Reden aus seiner Sicht von völkischem und ausgrenzendem Denken geprägt seien. An jenem Tag habe sich diese Anspannung in ihm zugespitzt. „Das erklärt den Fehler, aber es entschuldigt ihn nicht“, sagt Born.

Er hätte schweigen können. Vielleicht, räumt er ein, wäre die Sache über den Sommer in den Hintergrund getreten. Doch als der Stimmzettel öffentlich wurde, begann ein Spekulationskarussell. Namen von Abgeordneten wurden genannt, Verdächtigungen standen im Raum – auch gegenüber Mitgliedern von SPD und Grünen. Es war ja schnell klar, dass der Zettel aus ihren Abstimmungsboxen kam.

Born sah sich in der Pflicht. „Ich war der Einzige, der Klarheit schaffen konnte“, sagt er. Als stellvertretender Landtagspräsident habe er für das Parlament und die parlamentarische Demokratie einzustehen gehabt. Deshalb habe er Verantwortung übernehmen müssen: das öffentliche Bekenntnis, der Rücktritt vom Präsidiumsamt, später der Austritt aus der Fraktion. Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann sein freiwilliges Bekenntnis damals als einen Schritt würdigte, mit dem weiterer Schaden vom Landtag abgewendet worden sei, habe Born als „starke Geste“ empfunden.

Der SPD blieb er dennoch treu. „Ich bin Sozialdemokrat mit Leib und Seele und bleibe es auch“, sagt er. Die Partei habe ihm ermöglicht, politische Vorstellungen umzusetzen, und ihm eine außergewöhnliche Karriere eröffnet. Zugleich hätten die SPD-Gremien nach dem Vorfall entschieden, künftig ohne ihn weiterzumachen. „Dann war es für mich richtig, den Weg freizumachen.“

Inzwischen hat Born ein neues berufliches Kapitel begonnen. Er leitet als Geschäftsführer die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Neckar-Odenwald, ein Sozialunternehmen mit rund 300 Beschäftigten. Zur AWO gehören unter anderem eine Sozialstation, drei Pflegeheime und eine Sozialpsychiatrie.

Der Übergang sei schnell gegangen. Born wollte sein Mandat bis zum Ende ordentlich erfüllen. Obwohl ihm anschließend Übergangsgeld zugestanden hätte, suchte er direkt eine neue Aufgabe. Zur Arbeitsagentur Karlsruhe, bei der er vor seiner Zeit im Landtag gearbeitet hatte, hätte er zurückkehren können. Doch mit 50 Jahren habe er sich bewusst gefragt: Was kommt jetzt?

Lobbyismus oder Beratung seien denkbare Wege für ehemalige Berufspolitiker gewesen, sagt er. Ihn habe aber etwas anderes gereizt: soziale Gerechtigkeit nicht nur politisch zu fordern, sondern operative Verantwortung zu übernehmen. „Ich wollte weiter an der Frontlinie für soziale Gerechtigkeit arbeiten – aber aus einer neuen Perspektive.“

In ein politisches Amt will Born nicht zurückkehren. „Das Kapitel ,Daniel Born macht Berufspolitik‘ habe ich fertig geschrieben“, sagt er. Seine Antwort wirkt entschlossen. Zehn Jahre Berufspolitik hätten auch „blaue Flecken auf der Seele“ hinterlassen. Die könnten heilen, wenn man einen Abschnitt wirklich abschließen könne.

Politik und Demokratie seien ohnehin größer als Parlament, Rathaus oder Kreistag, sagt Born. Gerade bei der Finanzierung der Pflege, bei der Zukunft des Sozialstaats oder bei sozialer Teilhabe brauche es Stimmen aus der Praxis. Mitgestalten wolle er weiterhin – aber nicht mehr von einem Abgeordnetensitz aus.

Und falls die SPD doch noch einmal anrufe? Born lächelt kurz. „Meine Erfahrung in der Politik ist, dass, wenn jemand sagt: ,Alle haben nach mir gerufen‘, es in der Regel Selbstgespräche waren“, sagt er. „Ich werde keine Selbstgespräche führen.“

Was bleibt also von den zehn Jahren im Landtag? Born bekommt noch immer Briefe, Einladungen und Rückmeldungen aus dem Bundesland. Manche Menschen hätten ihm gesagt, es sei eine gute Zeit gewesen. Andere hätten ihm vorgeworfen, zu links, zu woke, zu sehr auf Inklusion, Vielfalt und Solidarität ausgerichtet zu sein. Born nimmt auch das an. „Wenn das Kleinkarierte an die Tür klopft, muss man auf die Taste drücken, auf der Größe, Selbstbewusstsein und Freiheit steht“, sagt er. Dann hält er inne. Der Espresso ist längst kalt geworden. Seine politische Karriere ist vorbei – die Überzeugung, für die er angetreten ist, nicht. „Es war ’ne krasse Zeit“, sagt Daniel Born. „Aber das Leben kommt von vorn.“

Heidelberg Kompakt

Wieder freie Fahrt auf Speyerer Straße
Nach rund 16 Wochen Bauzeit rollt der Verkehr auf der Speyerer Straße (L 600a) in Heidelberg wieder reibungslos. Wie das Regierungspräsidium Karlsruhe mitteilte, wurden die umfassenden Sanierungsarbeiten an der wichtigen Pendlerachse zum 15. September abgeschlossen. Insgesamt kostete die Modernisierung der rund 64.000 Quadratmeter großen Asphaltfläche rund 4,8 Millionen Euro. Ganz aufatmen können Autofahrer in der Region jedoch noch nicht: Wegen abschließender Restarbeiten bleibt der benachbarte Stückerweg in Heidelberg-Kirchheim voraussichtlich noch bis zum 2. Oktober voll gesperrt.

Bundestrainer Klopp verzichtet auf Wahl-Heidelberger Baumann
Enttäuschung für den Wahl-Heidelberger Oliver Baumann. Der neue Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp verzichtet für die anstehenden Nations-League-Länderspiele auf den Torhüter der TSG Hoffenheim. Wie das Fachmagazin „kicker“ berichtet, steht der 36-Jährige nicht im Aufgebot, das am Donnerstag bekanntgegeben wird. Nachdem Baumann in der WM-Qualifikation noch als Nummer eins gesetzt war, bedeutet dieser Schritt wohl das endgültige Aus für seine Karriere im Nationaltrikot. Für Klopps DFB-Debüt rückt nun Marc-André ter Stegen in die Rolle des Stammkeepers. Dahinter dürfen sich jüngere Kräfte wie Alexander Nübel oder Jonas Urbig Hoffnungen auf Einsatzzeiten machen.

Schwerer Unfall nach verbotenem Wendemanöver
Wegen eines verbotenen Wendemanövers ist es am Montagmittag auf der B3 zu einem schweren Unfall gekommen. Gegen 12:30 Uhr wendete ein 51-jähriger BMW-Fahrer sein Auto in Richtung Boxberg trotz einer durchgezogenen Linie. Ein nachfolgender, 49-jähriger VW-Fahrer bremste zwar sofort, konnte den Zusammenstoß aber nicht mehr verhindern. Der BMW-Fahrer kam leicht verletzt ins Krankenhaus. Beide Autos erlitten Totalschaden und wurden abgeschleppt. Es entstand ein Schaden von rund 20.000 Euro. Die B3 war in Fahrtrichtung Boxberg zeitweise gesperrt.