An eine Neckartour auf dem Stand-up-Paddle-Board, bei der ich mich an einem der letzten Tage im September gefühlt habe wie im Hochsommer, kann ich mich wirklich nicht erinnern. Gestern war es zwischen Ernst-Walz-Brücke und Alter Brücke genauso. 29 Grad wurden am Nachmittag in der Altstadt gemessen. Und so schön es auch war, so bleibt doch vor allem das Gefühl, dass diese Klima-Veränderungen besorgniserregend sind. Und sie werfen zwangsläufig die Frage auf: Was bedeutet das in Zukunft für Heidelberg?
Es ist der 29. September, das Thermometer kratzt an der 30-Grad-Marke. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein spätes Geschenk des Sommers: volle Straßencafés in der Altstadt, Picknickstimmung auf der Neckarwiese, Paddler auf dem Wasser, Menschen in T-Shirts und Sonnenbrillen statt in Übergangsjacken. Doch was sich angenehm anfühlt, ist in Wahrheit ein Warnsignal. Für Meteorologen und Klimaexperten ist diese Wärme am Ende des Septembers keine nette Laune des Wetters, sondern ein Symptom eines Klimas, das aus dem Takt geraten ist.
Ein einzelner heißer Tag wäre schon bemerkenswert. Mehrere Tage mit Temperaturen um die 30-Grad-Marke so spät im Jahr sind es erst recht. Wetterfachleute sprechen in solchen Fällen von einer Hitzewelle, wenn an mindestens drei Tagen in Folge örtlich 30 Grad oder mehr erreicht werden. Dass sich eine solche Serie Ende September abspielt, ist historisch betrachtet äußerst ungewöhnlich.
Der Heidelberger Klimaexperte Robin Markowitsch von der Gesellschaft für Nachhaltige Entwicklung sieht darin keine bloße Ausnahme. „Die Extremwetterperioden werden immer ausgeprägter, immer länger“, sagt er. Das gelte sowohl für Trocken- als auch für Nassphasen. Ursache sei die stetig steigende Konzentration von Treibhausgasen wie CO2 und Methan in der Atmosphäre. „Wir haben mehr Wasser in der Atmosphäre“ sagt er und fügt an: „Das klingt erst mal komisch, weil es ja momentan wenig regnet. Aber wenn es regnet, dann viel extremer, viel länger, viel stärker. Und auch die Trockenperioden sind länger und extremer.“
Die aktuelle Wetterlage bringt für Heidelberg deshalb weit mehr mit sich als ein spätsommerliches Erwachen. Der menschliche Körper ist Ende September längst auf kühlere Tage eingestellt. Kommen dann plötzlich wieder Temperaturen von um die 30 Grad, bedeutet das für viele Menschen erheblichen Hitzestress. Besonders belastend ist das für ältere Menschen, Kranke und all jene, die in dicht bebauten Stadtteilen leben, in denen sich die Wärme staut. In der Bahnstadt zum Beispiel oder auch in der Altstadt.
Hinzu kommt die Trockenheit. In den Wäldern der Region steigt die Waldbrandgefahr, der Neckar führt weniger Wasser, und auch für Tiere und Pflanzen wird die Lage schwieriger. Niedrige Pegel und hohe Temperaturen setzen das Ökosystem zusätzlich unter Druck. Der Fluss erwärmt sich schneller, der Sauerstoffgehalt sinkt — für Fische und andere Wasserlebewesen kann das zum Problem werden. Die Natur benötigt dringend Regen. Doch mit dem ist laut Diplom-Meteorologe Dominik Jung erst einmal nicht zu rechnen. „Die Trockenheit bleibt auch zu Beginn des Oktobers ein Problem„, sagt Jung gegenüber „t-online.de“. Ergiebiger Niederschlag dürfte noch bis zum 10. Oktober vielerorts ausbleiben – voraussichtlich auch in Heidelberg.
Markowitsch ordnet die Entwicklung in einen größeren Zusammenhang ein. Die aktuelle Lage hänge „mit großer Sicherheit“ auch mit dem derzeitigen El-Niño-Phänomen zusammen. Dieses Jahr sei ein „starkes El-Niño-Jahr“, erklärt er. Im globalen Mittel könne El Niño die Temperatur zeitweise um rund 0,3 Grad erhöhen. Dahinter steckt ein komplexes Zusammenspiel von Passatwinden, Ozeanströmungen sowie der Verteilung von warmem und kaltem Wasser im Pazifik, das sich auf das globale Klimasystem auswirkt.
Zugleich warnt Markowitsch davor, die Ursache nur in solchen Einzelphänomenen zu suchen. „Wir müssen jetzt auch nicht unbedingt ein Ereignis herausheben. Der allgemeine Trend des Klimawandels geht einfach dahin“, sagt er. Mit anderen Worten: El Niño mag die Lage verschärfen – die grundlegende Richtung der Temperaturen ist längst vorgegeben.
Was heute noch wie ein Ausreißer erscheint, könnte schon bald Standard werden. „Es hat jetzt schon angefangen, dass es völlige Normalität ist, dass es Ende September oder auch im Oktober so warm ist und so trocken ist. Das ist der neue Status quo“, sagt Markowitsch. Es ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er die Gefahren hinter dem wolkenlosen Himmel so präzise beschreibt.
Für Heidelberg ist das eine besonders heikle Entwicklung. Die Stadt ist landschaftlich reizvoll gelegen, klimatisch aber angreifbar. Das enge Neckartal, die dichte Bebauung in der Weststadt sowie in Bergheim und die aufgeheizten Steinflächen der Altstadt verstärken Hitzeeffekte zusätzlich. Dazu die Hitzeanfälligkeit in zubetonierten Stadtteilen wie der Bahnstadt. Die urbane Wärmeinsel ist an solchen Tagen konkret spürbar – auf Plätzen, in Gassen, in Wohnungen, die sich nachts kaum noch abkühlen.
Langfristig wird sich die Region weiter verändern. Schon heute gilt die Gegend an Bergstraße und Kraichgau als „Badische Toskana“. Tatsächlich könnte das Klima in Heidelberg in den kommenden Jahrzehnten mediterraner werden – mit heißeren, trockeneren Sommern, längeren Warmphasen bis weit in den Herbst und mehr tropischen Nächten. Pflanzen, die bislang eher mit südlicheren Regionen verbunden wurden, könnten noch selbstverständlicher zum Landschaftsbild gehören. Auch in der Landwirtschaft und im Weinbau sind solche Verschiebungen längst ein Thema. Winzer in der Region setzen teilweise bereits auf hitzeerprobte Rebsorten. Zudem gibt es Weinbauern, die auch Oliven anbauen.
Für die Stadt bedeutet das generell: Klimaanpassung darf nicht länger als Zukunftsprojekt verstanden werden, sondern als Aufgabe der Gegenwart. Mehr Schatten, mehr Grün, mehr entsiegelte Flächen, Trinkwasserbrunnen, begrünte Dächer und Fassaden — all das sind keine kosmetischen Maßnahmen, sondern Bausteine einer Stadt, die lernen muss, mit Hitze zu leben. Heidelberg arbeitet bereits an entsprechenden Konzepten und Hitzeaktionsplänen. Allerdings geht es auch hier – wie bei vielen Projekten der Stadtverwaltung – sehr langsam voran. Oder die notwendigen finanziellen Mittel werden gar nicht erst bewilligt. Dass viele Menschen in verantwortlichen Positionen auf allen politischen Ebenen den Klimawandel immer noch auf die leichte Schulter nehmen, ist angesichts der Entwicklung erschreckend. Die Wucht solcher Septembertage zeigt sehr klar, wie dringlich es ist, den Klimawandel als größtes und wichtigstes Thema der Gegenwart anzuerkennen.
Die fast 30 Grad von gestern sind nicht einfach nur eine kuriose Wettergeschichte. Sie sind eine Botschaft. Der Klimawandel ist kein fernes Szenario mehr, das irgendwann einmal eintritt. Er sitzt längst mit am Neckarufer, geht mit durch die Altstadt, liegt mit auf der Neckarwiese — und paddelt mit übers Wasser.
Heidelberg Kompakt
58 Wohnungen im Patrick-Henry-Village bezugsfertig
Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) kommt beim Megaprojekt Patrick-Henry-Village (PHV) sichtbar voran. Auf dem rund 100 Hektar großen ehemaligen Areal der US-Streitkräfte fahren schon bald die Umzugswagen vor. 58 bezugsfertige Wohnungen stehen ab Oktober bereit. Das gab die BImA bei der Einweihung am Dienstag bekannt. In den kommenden Jahren will die Bundesanstalt hier bis zu 450 bezahlbare Wohnungen errichten, um den chronisch überlasteten Heidelberger Wohnungsmarkt zu entlasten.
Stadtbücherei verleiht auch Werkzeuge und Instrumente
Die Stadtbücherei Heidelberg startet am Donnerstag unter dem Namen „HeidelDinge“ eine neue Bücherei der Dinge. Damit erweitert die Bibliothek ihr Angebot um Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge, Musikinstrumente, Technik und Freizeitartikel, deren Auswahl vorab durch eine Bürgerumfrage ermittelt wurde. Das Konzept setzt auf Nachhaltigkeit und geteilte Ressourcen: Anstatt selten genutzte Gegenstände selbst zu kaufen, können Bürger diese gemeinschaftlich nutzen. Die Ausleihe ist während der regulären Öffnungszeiten für Personen ab 18 Jahren mit einem gültigen Bibliotheksausweis oder der Metropolcard möglich. Alle weiteren Informationen zu Bestand und Bedingungen stehen ab dem 1. Oktober auf stadtbuecherei.heidelberg.de bereit.
Oben-ohne-Baden in Schwimmbädern bald für Frauen erlaubt?
Der Sportausschuss der Stadt Heidelberg berät heute über einen Antrag der Fraktion Bunte Linke. In diesem fordert die Partei, die Hausordnung der städtischen Bäder so anzupassen, dass das Oben-ohne-Baden und -Sonnen für alle Personen in Schwimmbädern gleichermaßen erlaubt wird. Bislang ist Frauen das Ablegen des Oberteils nur im Liegen gestattet. Während die Initiatoren für Geschlechtergerechtigkeit argumentieren, verweisen die Stadtwerke Heidelberg auf das allgemeine „Sittlichkeitsempfinden“ und den Schutz vor Diskriminierung anderer Badegäste. Der Sportausschuss bereitet die politische Debatte vor; die endgültige Entscheidung im Heidelberger Gemeinderat soll voraussichtlich im November fallen.