Vor wenigen Wochen tauchte die Heidelberger Bahnstadt mit Foto in einem Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auf. In dem Text ging es um Bausünden der Gegenwart. Autor Jan Grossarth ordnete Heidelbergs 15. Stadtteil dort wenig schmeichelhaft als „Entfremdungserlebnis“ ein. Eine Meinung, die so gar nicht zu der von Oberbürgermeister Eckart Würzner passt. Der bezeichnet die Bahnstadt als „weltweites Vorbild“. Doch wer hat nun recht? Und was sagen die Bewohner?
Ein gutes Jahr ist es her, da standen der damalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, und Oberbürgermeister Eckart Würzner in der Bahnstadt und kamen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: „Die Bahnstadt ist ein großartiges Leuchtturmprojekt, das Kreativität in der Umsetzung beweist“, sagte Kretschmann. „Innovativ, international attraktiv und nachhaltig: Dafür steht die Bahnstadt“, sagte Würzner und fügte an: „Die Bahnstadt ist und bleibt ein weltweites Vorbild.“
Dass sie mit dieser Einschätzung zumindest in Teilen ziemlich alleine dastehen, wussten die beiden Berufspolitiker in diesem Moment vermutlich. Die vielen kritischen Stimmen dürfte zumindest der Heidelberger Oberbürgermeister bereits mitbekommen haben. Und sie werden nicht weniger. Vor einigen Wochen schaffte es ein Foto der Bahnstadt in einen umfangreichen Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Jan Grossarth, in Heidelberg geborener Professor an der Architektur-Fakultät der Hochschule Biberach, nennt die Bahnstadt als ein Beispiel für „Entfremdungserlebnisse“ in der Geschichte der Neubauten in Deutschland. „Die Heidelberger Bahnstadt ist zwar ein ambitioniertes Passivhausquartier, aber die Raumwirkung bleibt öde. Sie ist ökologisch vorbildlich, aber ästhetisch umstritten“, schreibt Grossarth in seinem Gastbeitrag.
Von außen betrachtet liegt Grossarth mit seiner Einschätzung zu Heidelbergs 15. Stadtteil sicherlich nicht falsch. Bei der Planung des 108 Hektar großen Areals wurden offensichtliche Fehler gemacht. Die fehlenden Grünflächen zum Beispiel. Die fast durchgehende Versiegelung vermittelt das unbehagliche Gefühl einer Betonwüste. Vor allem der Bereich rund um den Gadamerplatz erscheint trost- und emotionslos – was sich mit dem Bau eines weiteren Appartementhauses auf einer angrenzenden, unversiegelten Fläche sicherlich nicht verbessern wird. An dem Gesamteindruck ändern auch der Zollhofgarten, die Promenade mit Blick auf die Felder Richtung Pfaffengrund und der Kanal an der zentralen Straße Langer Anger nicht viel.
Zumal der Kanal seiner vorgesehene Rolle als grünes, natürliches Element bisher nie gerecht werden konnte. Im Gegenteil: Zu oft ist das Wasser trüb, kombiniert mit einem moderigen Mief, der das Verweilen am Ufer wenig attraktiv macht. Ralf Bermich, bei der Stadt Heidelberg verantwortlich für Energie und Klimaschutz, gab schon vor einigen Jahren offen zu: „Wir würden das so wahrscheinlich auch nicht wieder machen. Denn als weitgehend stehendes Gewässer neigt es einfach sehr stark zum Veralgen und erfüllt dadurch nicht zu jeder Jahreszeit die optischen Ansprüche, die man hat.“
Der Wasserlauf dient auch nicht als Möglichkeit einer Abkühlung. Als Bewohner der Bahnstadt in diesem Sommer an besonders heißen Tagen im Kanal plantschten, griff die Stadt Heidelberg ein und verwies auf die Gefahren durch Verunreinigung und wechselnde Pegelstände hin.
Bei extremer Hitze, wie sie auch Heidelberg aufgrund des Klimawandels in Zukunft immer häufiger erleben wird, fehlt den Bewohnern also die Möglichkeit einer Abkühlung. Auch fehlende Schattenplätze sind ein echtes Problem.
Und die Passivhausbauweise bringt auch noch ihre Tücken mit. Das Darmstädter Passivhaus-Institut hat sich vor einiger Zeit nach dem Befinden in der Bahnstadt erkundigt und in einer Umfrage herausgefunden, dass es 60 Prozent der Bürger im Sommer zu heiß wird. Ein Bewohner, der nicht namentlich genannt werden will, bestätigt das. Es könne wegen der guten Speicherfähigkeit der Wärme auch in den Wohnungen zeitweise äußerst warm werden. Auch die Ausrichtung Richtung Süden sei nicht optimal. Er geht deshalb, wie viele weitere „Bahnstadtler“, die Nachrüstung mit einer Klimaanlage an. „Im Winter sei die Bauweise allerdings sehr positiv“, sagt der Bewohner und berichtet davon, dass er insgesamt nur wenige Wochen heizen müsse.
Wenn Fritz Vollrath vom Mieterverein Heidelberg solche Aussagen über teure Nachrüstungen einzelner Wohnungen hört, fühlt er sich in seiner generellen Einschätzung bestätigt. „Die Bahnstadt ist ein Stadtteil für besonders wohlhabende Menschen. Nur Top-Verdiener könnten sich die Bahnstadt leisten“, sagt er auf Nachfrage. Nettomietpreise von 15 Euro bis 20 Euro pro Quadratmeter je nach Lage der Wohnung liegen weit über dem bundesweiten Durchschnitt von rund 12 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.
Vollrath kritisiert deshalb, dass bereits bei der 2003 gestarteten Planung Fehler gemacht worden seien.„Es wurde versäumt, ausreichend Wohnungen als geförderte Wohnungen vorzusehen. Die Bahnstadt ist dadurch kein Stadtteil für alle Schichten“, sagt der Jurist und fügt an: „Die Attraktivität des Stadtteils und auch der Wohnungen rechtfertigt die enorme Höhe der Mieten nicht. Gleichwohl finden sich in Heidelberg ausreichend Menschen, die bereit sind, in der Bahnstadt zu mieten.“

Und wie beurteilen die Menschen, die in der Bahnstadt leben, ihren Stadtteil? Dreiviertel der Bewohner sind laut der oben aufgeführten Umfrage grundsätzlich zufrieden. Auch die Bürger, die sich an diesem Sonntag den Fragen der „Lokalen Stimme Heidelberg“ stellen, leben gern in der Bahnstadt. „Hier auf dem Spielplatz an der Promenade sind wir oft. Da treffen wir befreundete Familien. Das ist ein guter Ort für uns Eltern und die Kinder“, sagt Stefanie Krengel. Sie lebt seit 2021 mit ihrem Mann und den beiden Kindern (6 und 8 Jahre alt) in der Bahnstadt. „Hier kommt man mit den Menschen schnell in Kontakt“, fügt sie an.
Lara Moreno sieht das ähnlich. Für die Spanierin, die bei SAP in Walldorf arbeitet, war es nach ihrem beruflichen Umzug nach Heidelberg wichtig, schnell Anschluss zu finden. „Wir haben hier eine spanische Community, in der wir viel gemeinsam machen. Das hat mir von Anfang an geholfen“, sagt sie und plaudert mit ihren Freundinnen im Simon & Beans. Rund um das Café im Stellwerk an der Promenade ist genau das zu sehen, was viele Bewohner der Bahnstadt so sehr schätzen an ihrem Stadtteil: Das bunte Treiben von Menschen jeder Altersklasse aus verschiedensten Kulturen vermittelt das Gefühl eines lebendigen Zusammenlebens. Es ist ein emotionaler Anker. Auch die Einkaufsmöglichkeiten und das gastronomische Angebot wird von den Menschen in der Bahnstadt als positiv bewertet. „Es ist ein Wohnort, bei dem man alles zu Fuß erledigen kann“, sagt Moreno.
Dass das Zentrum der Bahnstadt rund um den Gadamerplatz eher trostlos daherkommt, stört die meisten Menschen nur am Rande. „Es ist nicht alles schön hier. Das stimmt“, sagt Moreno und ergänzt: „Auch wenn sie teuer sind: Die Wohnungen sind richtig gut.“ Ähnlich sieht das auch Stefanie Krengel. „Auch wenn mir das Grüne schon fehlt. Die Vorzüge für Familien überwiegen definitiv“, sagt sie.
Und so bleibt als Fazit, dass die Bahnstadt trotz aller baulichen, preislichen, ästhetischen und sozialen Schwächen für einen Großteil der Menschen ein gutes Zuhause ist. Als weltweites Vorbild dient die Bahnstadt allerdings nicht.
Heidelberg Kompakt
Academics-Generalprobe geht daneben
Die Generalprobe vor dem 2.Liga-Saisonstart am kommenden Samstag in Tübingen ging für die MLP Academics komplett daneben. Die Heidelberger verloren am Sonntag beim Liga-Konkurrenten Kirchheim Knights mit 66:94 (25:55). Allerdings traten die Jungs vom Neckar die Reise zum Testspiel geschwächt an. Einige Spieler hatten schon unter der Woche mit einer Virus-Infektion zu kämpfen. Bester Heidelberger Werfer war Nick Muszynski. Er kam auf zwölf Zähler.
Wieblingen: Zuschauer schlägt Ringrichter
Nach einer umstrittenen Kampfrichterentscheidung ist es am Samstagabend in der Neckarhalle in Wieblingen zu einer Gewalttat gekommen. Ein Zuschauer stürmte gegen 21 Uhr die Wettkampffläche und verletzte einen Ringrichter im Gesicht. Das Opfer musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Der Tatverdächtige wurde bereits von der Polizei identifiziert. Das Polizeirevier Heidelberg-Süd ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung.
Thermalbad schließt schon am 30. September
Freunde des Schwimmsports müssen in diesem Jahr in Heidelberg auf ein besonderes Privileg verzichten: Anders als in den vergangenen Jahren bleibt das Thermalbad nicht bis in den Oktober geöffnet. Ein Hinweisschild am Eingang macht klar: Die Freibadsaison endet 2026 bereits am 30. September. Grund sind die allgemeinen Sparmaßnahmen der Stadt.