Gegen den PISA-Trend: Heidelberger denkt Schule neu

Gegen den PISA-Trend: Heidelberger denkt Schule neu

Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der aktuellen PISA-Studie kommt für viele Beobachter nicht überraschend, trotzdem sorgen die Ergebnisse für Diskussionen. Von allen politischen Seiten gibt es nun Lösungsvorschläge, die vermutlich Jahre brauchen, bis sie umgesetzt werden oder ganz im Sand verlaufen. Axel Schimpf aus Handschuhsheim kennt diese Debatten zu gut. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und sieht das deutsche Schulsystem sehr kritisch. Anstatt tatenlos zuzusehen, hat er gehandelt, den Heidelberger Verein für Bildungszukunft gegründet und Schule neu gedacht.

Ein Kind das voller Vorfreude eingeschult wird, dann aber früh erlebt, wie aus Neugier Druck und aus Lebendigkeit ein Problem gemacht wird. Für Axel Schimpf wurde diese Geschichte zum Antrieb. Mit dem Heidelberger Verein für Bildungszukunft plant der 52-Jährige eine Schule, die sich konsequent am einzelnen Kind orientiert.

Als Schimpf von der Schullaufbahn seiner Kinder erzählt, wird schnell deutlich: Für ihn ist die Debatte über bessere Schulen keine pädagogische Spielerei. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Eine Geschichte von Enttäuschungen, von Hilflosigkeit – und von der Frage, wie viele Kinder im Alltag still oder laut daran scheitern, dass sie nicht in ein vorgegebenes Raster passen.

Viele Kinder kommen mit großer Freude in die Schule, erledigen  Aufgaben, die noch gar nicht aufgegeben sind, machen mehr als verlangt wird. „Doch statt diese Neugier aufzugreifen, werden sie ausgebremst“, berichtet Schimpf. Übungen werden korrigiert, ausradiert, rot angestrichen. Lebhafte Kinder werden früh vor die Tür geschickt. Druck erzeugt Gegendruck. Es folgen Konflikte, Schulwechsel, therapeutische Begleitung und Situationen, die Familien und auch viele engagierte Lehrkräfte immer wieder beschäftigen.

„Wir haben aufgrund unserer Erfahrungen verstanden: Das Problem ist oft nicht das Kind“, sagt Schimpf. Seine drei Kinder (16, 20, 22) haben inzwischen das Abitur geschafft und eines ist auf dem Weg dorthin… . Doch der Weg dahin war schwerer, als er hätte sein müssen. Und Schimpf ist überzeugt: Solche Erfahrungen sind kein Einzelfall.

Aus dieser Überzeugung heraus gründete der Maschinenbauingenieur mit einem multiprofessionellen Team den gemeinnützigen Verein für Bildungszukunft e.V. in Heidelberg. Das Ziel ist groß: Nicht weniger als eine Schule zu entwickeln, die Lernen konsequent vom Menschen her denkt – wissenschaftlich fundiert, organisatorisch flexibel und offen für die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Axel Schimpf

Die Ausgangsfrage des Vereins klingt einfach, ist aber grundlegend: Wie müsste eine Schule organisiert sein, wenn man sie mit dem heutigen Wissen über erfolgreiches Lernen neu entwickeln würde

Die Antwort von Schimpf und seinem Team: Kinder und Jugendliche lernen nicht alle gleich. Sie bringen unterschiedliche Interessen, Erfahrungen, Begabungen, Lerngeschwindigkeiten und Lebenssituationen mit. Eine Schule, die diese Vielfalt ignoriert und alle im Gleichschritt durch denselben Stoff führt, produziert zwangsläufig Überforderung bei den einen und Langeweile bei den anderen.

Lernangebote sollen möglichst gut zu den jeweiligen Voraussetzungen eines Kindes passen. Die Bildungsstandards des Landes bleiben verbindlich – doch der Weg dorthin darf unterschiedlich sein. Ein Kind, das selbstständig arbeiten kann und möchte, soll Freiraum erhalten. Ein anderes, das klare Strukturen, häufige Rückmeldungen oder engere Begleitung braucht, soll genau diese Unterstützung bekommen.

„Wir folgen nicht einem einzigen pädagogischen Konzept“, sagt Schimpf und erg „Wir suchen für jedes Kind den passenden Weg.“ Das unterscheide Bildungszukunft von Schulen, die sich ausschließlich einer bestimmten Richtung verschrieben hätten. Montessori, Waldorf, selbstorganisiertes Lernen oder projektorientierte Formate: Vieles davon könne wertvoll sein. Entscheidend sei, nicht die Methode über den Menschen zu stellen.

Geplant sind kleine, robuste Einheiten. Als tragfähige Größe nennt der Verein rund 150 Schülerinnen und Schüler bei etwa zehn Lehrkräften. Der Betreuungsschlüssel soll bei zunächst 15 Kindern und Jugendlichen pro Lehrkraft liegen. Klassische Klassenverbände sollen nicht das Lernen bestimmen. Stattdessen sollen sich Schüler je nach Aufgabe in Gruppen zusammenfinden, selbstständig arbeiten, Projekte verfolgen oder in kurzen gemeinsamen Unterrichtsformaten neue Inhalte erschließen.

Schimpf spricht häufig über Sinnhaftigkeit. Für ihn beginnt sie bei einer scheinbar kleinen Frage: Warum lernen Kinder etwas? Nicht, weil es im Lehrbuch steht. Sondern weil sie erfahren, wofür sie dieses Wissen brauchen können.

In einer Sporthalle etwa stecke Geometrie: Linien, Kreise, Winkel, Flächen, Distanzen. Mathematik könne dort sichtbar werden, statt bloß als Formel an der Tafel zu erscheinen. Auch Wahrscheinlichkeitsrechnung müsse nicht bei Kugeln in einer Urne beginnen. Man könne etwa anhand der Frage arbeiten, welche Versicherungen man zum Beispiel benötige und welche man sich sparen kann.

„Wenn Lernen im Leben verankert ist und Relevanz hat, bleibt es verfügbar“, sagt Schimpf. Das ist für ihn kein Gegensatz zu hohen Anforderungen. Im Gegenteil: Wer versteht, warum etwas wichtig ist, ist eher bereit, sich anzustrengen, dranzubleiben und auch schwierige Phasen auszuhalten.

Denn Bildungszukunft soll keine Schule sein, die Kindern jede Hürde aus dem Weg räumt. Schimpf widerspricht dem Eindruck, individuelle Förderung bedeute Verhätscheln. Persönlichkeitsentwicklung heiße auch, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszuhalten, sich selbst zu organisieren und nach einem Fehler wieder aufzustehen.

Scheitern soll dabei nicht mit einem roten Strich und dem nächsten Unterrichtsthema enden. Es soll zum Lernmoment werden. Warum ist ein Fehler passiert? Was hat gefehlt? Was kann beim nächsten Versuch anders laufen? „Ein Fehler berührt nicht den Wert eines Menschen“, sagt Schimpf. Diese Haltung sei entscheidend, damit Kinder Mut entwickeln können.

Schule müsse deshalb ein Ort sein, an dem Grenzen respektiert werden. Darin steckt auch ein demokratischer Anspruch. Demokratie werde nicht allein im Gemeinschaftskundeunterricht gelernt, sagt Schimpf. Sie entstehe im Alltag: durch Zuhören, Diskussion, Verantwortung, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Bereitschaft, das eigene Handeln zu verändern. Wer sich selbst sicher fühle, müsse Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung erleben.

Der Verein will seine Schule nicht aus einer spontanen Idee heraus eröffnen. Das Konzept wird seit dem Sommersemester 2024 in forschenden Schulentwicklungsseminaren mit Lehramtsstudierenden der Pädagogischen Hochschule Heidelberg weiterentwickelt. Pro Semester arbeiten etwa 20 Studierende an einzelnen Fragen, prüfen bestehende Bausteine kritisch und beziehen aktuelle Fachliteratur ein.

Das Wissen sei längst vorhanden, sagt der frühere BASF-Mitarbeiter, der später in der Organisations- und Lehrentwicklung arbeitete. Als Ingenieur habe er gelernt: Wer ein Problem lösen will, schaut zunächst, welche Lösungen bereits existieren.

Zunächst plant der Verein eine staatlich genehmigte und später anerkannte Schule für die Sekundarstufe I, also die Klassen fünf bis zehn. Langfristig soll daraus ein durchgängiges Bildungsangebot vom Kindergarten bis zum Abitur entstehen. Heidelberg und die Region Rhein-Neckar stehen dabei im Fokus, auch weil dort ein Netzwerk aus Bildungsakteuren und potenziellen Lehrkräften wächst.

Noch fehlt die Finanzierung. Private Ersatzschulen müssen sich in den ersten Jahren weitgehend selbst tragen. Je nach Startgröße rechnet der Verein mit rund 3,5 Millionen Euro für zunächst 30 Schülerinnen und Schüler oder etwa fünf Millionen Euro für einen Start mit 150 Kindern und Jugendlichen – jeweils für die ersten drei Jahre einschließlich Vorlauf. „Wir sind in guten Gesprächen mit Investoren“, sagt Schimpf.

Die Schule soll über Drittmittel finanziert werden, damit nicht das Einkommen der Eltern entscheidet, wer Zugang erhält. „Wir wollen zeigen, dass es ein Prinzip für alle ist“, sagt er.

Sollte die Finanzierung rechtzeitig gelingen, könnte der Verein nach eigener Einschätzung im Herbst 2028 starten. Doch für Schimpf ist der erste Standort nur der Anfang. Die Schule soll ein „Proof of Concept“ sein: ein praktischer Beweis, dass Bildung anders organisiert werden kann und dennoch dauerhaft funktioniert.

Er glaubt nicht daran, dass ein großes, sich selbst reproduzierendes System allein durch Appelle grundlegend verändert wird. Veränderung entstehe eher, wenn eine überzeugende Alternative sichtbar werde – und Menschen sie nachfragen. Schimpf vergleicht das mit dem Übergang vom Tastenhandy zum Smartphone: Erst wirkte die neue Idee ungewohnt, dann wurde sie selbstverständlich.

Seine Hoffnung richtet sich auf eine Schule, in die Kinder morgens nicht gehen, weil sie müssen. Sondern weil sie dort erleben: Ich werde gesehen. Ich darf Fragen stellen. Ich darf mich bewegen, scheitern, neu anfangen. Und ich kann herausfinden, was in mir steckt.

Heidelberg Kompakt

Keine Lust auf frühere Sommerferien
Baden-Württemberg will auch in Zukunft nicht am bundesweiten Wechsel der Sommerferien teilnehmen. Das Land beharrt fest auf seinem späten Ferientermin. Die Regelung der Sommerferien gilt noch bis zum Jahr 2030. In der Kultusministerkonferenz wird bereits heftig über die Zeit danach verhandelt. Viele andere Bundesländer fordern mehr Solidarität. Sie finden es ungerecht, dass Bayern und Baden-Württemberg als einzige Länder immer als Letzte in die Ferien starten. Wer früher dran ist, hat oft weniger Zeit für Prüfungen im zweiten Halbjahr. Außerdem sind Urlaube im September in der Nebensaison oft günstiger. Die Regierungsfraktionen in Stuttgart betonen, dass der späte Termin für den Lernrhythmus der Schüler wichtig ist. Da es im Süden traditionell zweiwöchige Pfingstferien gibt, würde ein früherer Sommerstart zu viel Unruhe in den Lehrplan bringen. Auch der Landesschülerbeirat unterstützt den Kurs und fordert stattdessen einen besseren Hitzeschutz für die Klassenzimmer im heißen Juli.

Großbrand bei Heidelberg Materials – Bekennerschreiben glaubhaft
Nach dem Großbrand bei Heidelberg Materials im Wetteraukreis stuft die Polizei ein im Internet aufgetauchtes Bekennerschreiben als glaubwürdig ein. Das teilte das Polizeipräsidium Mittelhessen mit. Bei dem Feuer in der vergangenen Woche wurden mehrere Betonmischer und ein Radlader beschädigt. Es entstand ein Sachschaden von rund 800.000 Euro, Menschen wurden nicht verletzt. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen Brandstiftung. Da das Schreiben auf der linksextremistischen Plattform Indymedia veröffentlicht wurde, sprach Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) von einem gezielten Brandanschlag auf den inneren Frieden. Das genaue Motiv wird noch untersucht.

Fahrplanwechsel in Heidelberg: Was die rnv umstellt
Ab dem 14. September müssen sich Fahrgäste in Heidelberg auf neue Wege und geänderte Zeiten einstellen.
Die wichtigsten Änderungen im Überblick:
Straßenbahn 21 & 22: Die Linie 21 endet wegen Bauarbeiten oft schon an der Johann-Fischer-Straße. Die Linie 22 fährt eine Umleitung über den Campus Bergheim.
Bus 27 & 29: Die Linie 27 fährt neu über den Boxbergring direkt nach Rohrbach Süd. Auf der Linie 29 entfällt der Halt Rohrbach Süd in Richtung Universitätsplatz.
Bus 33 & 34: Die Linie 33 fährt zwischen Hauptbahnhof und Montpellierbrücke direkt und lässt die Bahnstadt aus. Die Linie 34 fährt abends und sonntags über den Campus Bergheim.
Klinik-Anbindung: Die Linien 20, 31 und 37 werden besser auf die Schichtwechsel der Unikliniken abgestimmt. Die Linie 37 fährt im Spätverkehr alle 20 Minuten.

Fahrgäste sollten ihre Verbindungen vorab in der Fahrplanauskunft prüfen.